Ein Jahresrückblick


Vor etwa einem Jahr began für mich ein neues Leben. Eine neue Art zu denken und wie ich mich selbst betrachte. Ich hätte im stolzen Alter von 37 Jahren nicht mehr gedacht, dass noch etwas passieren könnte, dass mein Leben dermaßen verändern wird. Ich meine ich habe vier Kinder auf die Welt gebracht. Habe mein Leben aus der Gosse in geordnete Bahnen gelenkt. Ich war einer der wenigen Menschen aus meiner alten Gegend, die dort nicht mehr wohnen mussten. Ich habe nicht die ganze Welt gesehen, aber immerhin ein paar interessante Seiten des Lebens gekannt. Ich bin in Venezuela, Spanien, Portugal, Polen, Ungarn, Rumänien, Frankreich, Belgien, Niederlande, Italien, England, und in New York gewesen. Kannte das Leben einer großen und intakten Familie – zumindest für sieben Jahre. Ich habe geliebt und ich wurde geliebt. Ich war Freund und hatte Freunde in meinem Leben, die für mich da waren, wenn ich sie brauchte. Ich habe Enttäuschungen erlebt und gelernt damit fertig zu werden. Ich habe eine große Trennung ohne Schaden überstanden – die von meiner Ex-Frau. Wir verstanden uns nach all den Tiefen, durch die uns das Leben geführt hat immer noch hervorragend. Es war klar, dass wir nicht mehr zusammen sein konnten, nach allem was passiert ist. Unsere Kinder sollte davon nichts bemerken und das haben wir geschafft – bis heute. Ich habe in zwei verschiedenen Kulturen gelebt – in Westdeutschland und in Polen. Die Tradition und Religion im Osten stand im kompletten Gegensatz zu der westlichen Kultur und Weltoffenheit. Ich bin in meinem Leben nie zur Ruhe gekommen. Habe nach der Schule in Braunschweig, Berlin, München und Stuttgart gelebt, bevor ich wieder in meine Stadt – nach Düsseldorf zurückgekehrt bin. Nur um festzustellen, dass die Sehnsucht nach der Ferne mich wieder an den Ort zurückgeführt hat, an dem ich schon immer hätte bleiben sollen. Wie konnte man das steigern? Ja es war möglich.

Höhen und Tiefen eines neuen Lebens

Das vergangene Jahr hatte viele Höhepunkte für mich – aber auch Tiefpunkte. Ich traf die Entscheidung offen mit meiner Transidentität umzugehen. Freunde rieten mir davon ab, aber meine Entscheidung war längst gefallen. Zuerst sagte ich es meiner Familie – einen Monat später dann auf der Arbeit. Und ratet mal, es gibt mich immer noch und mir geht es besser als jemals zuvor. Ich bin im Leben angekommen. Habe meine Bestimmung endlich gefunden. Und ich habe diese Bestimmung mit offenen Armen empfangen. Was hat sich seit dem verändert? Alles hat sich verändert – einfach alles. Die meißten Menschen die mir etwas bedeutet haben, haben mich verlassen. Ich habe zwei wunderbare Frauen verschlissen. Meine beste Freundin und meine beste Freundin danach. Die Kumpel mit denen ich vor einem Jahr unterwegs war, wollen mich heute nicht mehr kennen. Meine Schwester ist mittlerweile nicht mehr so distanziert, wie direkt nach meinem Coming-out im Oktober. Wir sind noch meilenweit davon entfernt, dass es ein gutes Verhältnis zueinander ist. Meine Mutter hat mehrmals versucht mit mir – ihrer zweiten Tochter – klarzukommen, aber wir waren noch nie so weit voneinander entfernt wie jetzt. Davor konnte ich jederzeit unbemerkt durch die Gegend spazieren und konnte mich überall aufhalten und zeigen, wo es mir gerade passte. Jetzt falle ich auf – immer – immer und überall. Selbst der Stopp an der Tankstelle ist nicht mehr dasselbe. Es gibt Menschen die lassen dich spüren, dass du in ihren Augen ein anderer Mensch bist und das ist auch gut so. So erkennst du, wo deine Unterstützer sind und wo nicht. Die Anzahl der Menschen die in den vergangenen zwölf Monaten auf mich zugekommen sind, um mir gegenüber zu äußern, dass sie das was ich bin bewundern, ist endlos und es gibt mir unendlich viel Kraft. Wenn du das liest, bist du vermutlich eine dieser Personen und ich möchte mich an dieser Stelle bei dir dafür bedanken, dass du so bist, wie du bist. Im Job war es nie wirklich ein ernstzunehmendes Thema. Alle behandelten mich völlig normal und verhielten sich sehr professionell und vorbildlich. Um ehrlich zu sein, habe ich jede Minute genossen, wenn ich gearbeitet habe, weil es der einzige Bereich war, der sich für mich nicht zum Nachteil verändert hat. Ich würde sogar behaupten, dass mich jetzt alle noch ein Stück besser behandeln als vorher. Klar ich habe den letzten Job im Juli durch Umstrukturierungen verloren und bin derzeit auf der Suche nach einer neuen Aufgabe. Aber hey, es läuft ganz gut. Ich habe viele Jobgespräche, bekomme Vorstellungstermine und es scheint keine Rolle zu spielen, dass ich nicht mehr als Mann in Erscheinung trete. Auch wenn ich nicht perfekt bin. Es läuft.

Alles auf Neustart?

Würde ich die Uhr noch mal zurückdrehen und alles rückgängig machen wollen? Auf keinen Fall! Es kostet manchmal sehr viel Kraft so zu sein – anders zu sein. Eine Minderheit zu sein in einer Gesellschaft, die noch sehr viel darüber lernen muss, wie man mit Menschen umgeht, die nicht den üblichen Standards entsprechen. Es gibt Tage da lassen sie dich einfach nicht in Ruhe. Du musst dir grundlose Beschimpfungen anhören, teilweise von Leuten, die du nie zuvor gesehen hast. Du musst dich damit auseinandersetzen, warum plötzlich 99,99% der möglichen Bekanntschaften nicht mehr relevant sind. Weil die Personen, die du früher kennengelernt hast, nicht mehr diejenigen sind, die dich daten würden. Du denkst viel mehr über Dinge nach, die früher selbstverständlich waren. Du denkst darüber nach, warum du es tust. Warum ziehst du es durch? Warum musst du das unbedingt tun? Aber es ist ganz einfach. Weil das ich bin. Das ist mein Leben. Es gibt mich nur noch so, wie ich jetzt bin. Nichts auf dieser Welt kann mich davon abbringen so zu sein. Weil dir klar ist, dass es auch gute Seiten gibt. Das Gute überwiegt.

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Ich umarme gerade mal wieder in Gedanken die ganze Welt. Gute Nacht, eure Mycha

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