Reden wir mal über Selbstmord


Transgender Statistiken

Normalerweise gebe ich nicht viel darauf, was Statistiken behaupten. Aber wie verhält es sich mit Transgender Statistiken? Sie zeichnen ein dunkles Bild davon, was in etwa 40% der trans Menschen erleben. Was sie erlebt haben oder noch erleben werden. 40% was bedeutet das? Das ist angeblich die Zahl der trans Personen, die schon mal versucht haben, sich das Leben zu nehmen oder darin erfolgreich waren. Diese Zahl begleitet mich seit meinem Einstieg in mein offenes trans Leben. Sie ist gleichermaßen beängstigend wie abschreckend. Ein Fluch und ein Segen zugleich. Sicher die Zahlen sind zum Glück rückläufig. Doch wenn man selbst gewissermaßen betroffen ist und die eigenen Erfahrungen eine Rolle spielen, was nützt da überhaupt eine Statistik? Ändert sie das persönliche Befinden? Bringt sie mich davon ab?

Offenheit

Ich spreche heute das erste mal wirklich offen in der Öffentlichkeit über das Thema Selbstmord und wie ich selbst die Sache sehe. So kennen mich die wenigsten von euch. Ich habe es bisher nicht zugelassen. Wollte das Thema verdrängen und wer gibt schon freiwillig öffentlich zu, dass solche Gedanken (Selbstmordgedanken) ständig präsent sind. Es ist für mich ein Tabuthema so wie alle anderen versuchen es zu vermeiden, persönliche Bezugspunkte dazu herzustellen. Statistiken sind anonym, aber ich bin es nicht. Ich halte auch nichts von Tabus, sonst wäre ich nicht hier. Ich breche Tabus und das hier ist vielleicht mein größter Tabubruch bisher. Mein Leben kannte bisher zu viele Dinge, die man einfach nicht tun sollte. Doch das Phantom bekommt durch mich einen Namen. Es manifestiert sich und wird greifbar, wenn man die Person kennt. Ich bin es, eure Mycha. Ja, ich habe diese Gedanken. Nicht immer aber zu oft um sie weiter zu ignorieren.

Was bedeutet das nun?

Bin ich jetzt akut gefährdet? Ist das sowas wie mein letzter Hilferuf, bevor es ernst wird? Nein ich denke nicht. Aber ernst ist die Sache trotzdem. Ich muss mich damit aktiv auseinandersetzen (sowas wie das hier und jetzt darüber zu schreiben) und ich bin auch auf die Unterstützung von anderen angewiesen. Menschen die jetzt für mich da sind. Kleine Menschen – wie meine eigenen Kinder, die mir alles auf dieser Welt bedeuten und die mich als Elternteil brauchen. Wenn sie nicht da wären, wäre es höchstwahrscheinlich längst zu spät für mich. Ebenso erwachsene Menschen. Menschen wie meine beste Freundin, die ich aus Respekt hier nicht namentlich nennen werde.

Aber Maus wenn du das liest, dann weißt du das ich dich meine. Ich möchte mich bedanken, dass es dich gibt. Denn du bist ein großer Anteil am Team ‘am Leben bleiben’.

Meine Mutter gehört auch dazu. Auch wenn wir gerade eine schwierige Zeit miteinander durchmachen. Ich hoffe es werden noch mehr Gründe. Jeder Mensch in meinem Leben, der es mit mir ernst meint und den ich in mein Herz lasse, kann einer dieser Gründe sein.

Mycha was soll das Ganze?

Um ehrlich zu sein weiß ich es selbst auch noch nicht so genau, was das hier werden soll. Lest einfach weiter. Ich bin gerade in Schreiblaune und das nutzen wir jetzt mal aus. Keine Tabus!

Wie lange hast du diese Gedanken schon?

Seit ich offen als trans Frau lebe und vorher auch schon. Ich habe oft das Gefühl, dass ich das Richtige gemacht habe, aber irgendwie will es nicht funktionieren. Als trans Frau zu leben, dass bedeutet, dass sich alles verändert. Für einen Menschen wie mich, die es gewohnt war, dass alles gelingt – ob nun durch Geschick oder durch Glück – war und ist es eine krasse Veränderung. Es ist eine völlig neue Situation, mit der ich fertig werden muss. Das macht mir irgendwie große Sorgen. Angst es nicht zu schaffen. Angst davor das ich aufgeben könnte. Angst davor, dass mich das dann so fertig machen wird, dass ich mich aufgeben könnte. Diese Gedanken begleiten mich schon eine Weile, um ehrlich zu sein.

Was erzeugt deine Selbstmordgedanken?

Sie kommen besonders dann zum Vorschein, wenn ich mich mal wieder allein gelassen fühle mit Allem. Wie so oft. Das geht schon mein ganzes Leben lang. Ich war immer gewohnt alle Probleme selbst zu lösen. Das an sich ist ja gut. Du lernst mit Dingen fertig zu werden und Lösungen zu finden, die ohne die Hilfe von Außenstehenden funktionieren. In kurz du wirst dadurch unabhängig. Gleichzeitig merkst du wie wenig du von deiner Umwelt erwarten kannst, wenn es wirklich darauf ankommt. Das Gefühl das du alleine dastehst bleibt also ständig erhalten. Ich war und bin es eigentlich noch immer. Ein Mensch der mit allem fertig wird. Ich habe nie darauf gehofft, dass jemand kommt und mich unterstützt. Das war nie möglich, weil Schwäche keine Option ist. Wie schon in früheren meiner Artikel erwähnt. Schwäche – das hat für mich bedeutet, dass ich es alleine nicht schaffe. Das war einfach nie ich. Denn ich habe es immer geschafft – irgendwie. Jetzt bin ich aber die, die ich schon immer sein wollte. Ich kann mir jetzt sogar vorstellen, das ich mir helfen lassen könnte. Es hat lange gebraucht, um an diesem Punkt anzukommen. Es ist ein Eingeständnis von Schwäche. Ja, ich darf schwach sein. Ich darf weinen. Vorher undenkbar, aber jetzt ist das durchaus üblich. Ich weine. Ich kann weinen. Weine ständig um ehrlich zu sein und es gibt Menschen in meinem Leben die das sehen dürfen. Ich kann die Trauer und manchmal auch tiefste Verzweiflung einfach herauslassen. Das tut gut.

Hast du es denn schon mal versucht?

Jeder würde sagen, dass es nicht der Fall war, aber ich bin nicht so. Mein Versuch liegt schon sehr lange zurück. Viele Jahre. Jahrzehnte. Damals bin ich von einer Brücke in den Fluss gesprungen. Ich war gerade mal Anfang zwanzig. In dem Moment war ich enttäuscht von meinen damaligen Freunden. Dachte ich hätte überhaupt keine echten Freunde. Die Situation war ziemlich klar und einfach nachzuvollziehen und dann habe ich es einfach getan. Ich sprang. Das die Umstände mich tatsächlich mein Leben hätten kosten können, dass lag aber nicht an dem Sprung. Die Höhe war einfach zu gering. Das reichte im Normalfall nicht um zu sterben. Die Gefahr kam durch die Kälte. Das Wasser in das ich hineinsprang war eiskalt. Normalerweise schwimmt man nicht lange darin. Man ermüdet nach kurzer Zeit und ertrinkt. Das war nicht das, was ich mir damals vorgestellt habe. Ich wollte damals springen und mein Tod sollte unmittelbar dadurch eintreten, dass ich auf die dunkle Wasserwand aufprallte. Tat er aber nicht. Sofort als ich wieder auftauchte, war ich überall von eisig kaltem Wasser umgeben. Die starke Strömung riss mich sofort mit. Das Wasser saugte sich in meine Kleidung und Adrenalin wurde frei. Was es mit dir macht? Es erzeugte das Gefühl einen riesengroßen Fehler gemacht zu haben. Die Überlebensgefühle waren mit einem mal sofort präsent. Ich versuchte mich über Wasser zu halten und irgendwie nicht zu ertrinken. Ich war keine gute Schwimmerin. Aber in diesem Augenblick war ich da. Ich schwamm. Versuchte die Richtung des Ufers anzuschwimmen. Die Strömung arbeitete gegen mich. Wer weiß was passiert wäre, wenn ich nicht vor dem Sprung die Rettungskräfte alarmiert hätte. Aber hab ich ja. Zum Glück. Sie zogen mich dann circa einen Kilometer entfernt von dem Absprungort aus dem Wasser. Viel länger hätte ich vermutlich nicht durchgehalten. Ich wurde völlig unterkühlt in die Klinik eingeliefert. Am gleichen Tag durfte ich wieder nach Hause fahren, nachdem ich glaubhaft machen konnte, dass ich es nicht erneut versuchen würde.

Müssen wir uns jetzt Sorgen um dich machen?

Jetzt gerade nicht und auch in Zukunft besteht dazu kein Anlass mehr. Es tut gut, dass Ganze aufzuschreiben. Wie wenn eine große Last von den Schultern abfällt. Ich fühle mich gerade sehr befreit und motiviert und möchte euch einen schönen Tag wünschen. Wenn ihr euch sorgt oder einfach nur Fragen habt, dann sprecht mit mir. Ich werde versuchen offen zu antworten, aber seid nicht besorgt, denn wenn ich es tun wollte, dann wäre das Letzte was ich tun würde, hier darüber zu schreiben. Ich setze mir inzwischen Punkte, die in der Zukunft liegen, an denen ich die Sache jedes mal für mich neu bewerte. Bisher hat das ganz gut funktioniert. Das Gefühl weiter leben zu wollen wird jeden Tag stärker. Wir – also die, die es schon getan haben, wissen das wir auf uns aufpassen müssen und wir tun alles dafür – wirklich alles – damit es uns gut geht.

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Passt auf euch auf und redet darüber, ihr werdet feststellen, dass alles eine Bedeutung hat. Free hugs, eure Mycha

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