Geschlechtsangleichende OPs und Co. KG


Heute kommt ein Thema, dass ich schon so lange mit mir herum trage. Um genau zu sein, seit ich angefangen habe, als Frau zu leben. Gerade am Anfang ist man von den Möglichkeiten zu geschlechtsangleichenden Maßnahmen überwältigt. Es gibt fast gar nichts, dass nicht möglich zu sein scheint. Doch bevor wir zu sehr in die Details gehen, fangen wir erst mal mit der Motivation an und sehen dann weiter.

Warum sollte man sich denn überhaupt operieren lassen?

Das ist eine sehr gute Frage. Wenn man am Anfang seiner Transition steht (Verwandlung des Äußeren von Mann zu Frau oder umgekehrt), ist der eigene Wunsch sehr groß möglichst schnell alles hinter sich zu bringen, um sich komplett als Frau fühlen zu können. Man möchte möglichst perfekt sein. Der eigene Anspruch ist sehr hoch was das anbelangt. Das geschieht alles, bevor man wirklich intensiv darüber nachgedacht hat. Man hat noch keinerlei Gedanken an Risiken und Nebenwirkungen verschwendet. Sinn oder Unsinn einiger Eingriffe sind noch nicht evaluiert worden. Wie ein Schwamm saugt man erst mal alle Informationen rund um die Anpassungsmöglichkeiten auf und erstellt imaginär eine eigene Liste davon. Doch die Eigenmotivation ist nur eine Seite der Medaille.

Hinzu kommen relativ zügig die gesellschaftlichen Anforderungen. Spätestens nach dem Coming-out wird man relativ direkt darauf angesprochen:

Was willst du denn alles machen lassen?

Hast du dir schon überlegt, was du alles machen lassen willst?

Wenn ich du wäre, würde ich damit anfangen, …

Dann willst du bestimmt, dies oder das machen lassen.

Nun ja, was soll man darauf schon antworten? Am besten die Ruhe bewahren und sich gar nicht dazu äußern. Wenn man sich als transgender geoutet hat, scheint sich auf ein mal die ganze Welt einzumischen. Jeder möchte seinen eigenen Senf dazu loswerden. Alle wollen an dem Projekt mitarbeiten. Wie kann man nur so kopflos sein. Ihr fangt doch auch nicht bei euren anderen Freundinnen und Freunden an, Ratschläge zu irgendwelchen OPs zu erteilen, die ihr für angebracht hieltet oder etwa doch? Das hört bei Freunden noch lange nicht auf. Jeder – bedeutet wirklich jeder. Nachbarn, Vermieter, Arbeitskollegen, Verkäufer, ehemalige Schulbekannte, die Liste lässt sich beliebig fortsetzen.

Euer Engagement in allen Ehren, aber hier ist Stopp angesagt. Das ist mein Körper und der geht euch nun wirklich gar nichts an!

Kommen wir zurück zur Eigenmotivation

Gibt es denn überhaupt etwas, dass mich zur Zeit daran hindert, als Frau zu leben?

Ich würde sagen, so rein objektiv gesehen – ein klares Nein. Das ist das, was ich persönlich darüber denke. In meinem Alltag kann ich ungehindert Mycha sein, Mycha all the time und non-stop. Nicht jeder respektiert mich, so wie ich bin. Das ist richtig. Mittlerweile habe ich mich an diesen Umstand gewöhnt und kann damit gut leben. Vermutlich gab es vorher auch Leute, die mich nicht gemocht haben und warum sollte sich daran etwas geändert haben? Letztendlich müsst ihr euch diese Fragen selbst stellen und für euch beantworten. Ich respektiere, dass es andere trans Menschen gibt, die es für sich selbst anders bewerten würden.

Bin ich wirklich mit dem zufrieden, was ich habe?

Ohja, dass bin ich. Ich führe ein zufriedenes Leben. Stehe mit beiden Beinen mitten im Leben, mit Familie, Freunden und Beruf. Es läuft einfach alles perfekt.

Doch wie ist es körperlich?

Nun ja, es gibt einige Dinge die mich stören. Das allmorgendliche Styling ist ein Muss. Ohne das geht es nun mal nicht. Ich mag mich selbst nicht mehr ansehen, wenn ich morgens das erste mal in den Spiegel blicke und quasi im Rohformat dastehe. Darüber hinaus gibt es ein paar körperliche Dinge, an die man sich schnell gewöhnt, aber die auf Dauer unbequem sein können. Die Details hierzu erspare ich euch, auch wenn es die eine oder den anderen von euch brennend interessieren dürfte, wie ich es schaffe, in meine engen Slim-Jeans reinzupassen, ohne dass man etwas erkennt. Aber kommen wir zurück zu meinen Ansichten. Inzwischen denke ich da eher praxisorientiert. Es wäre durchaus komfortabler, wenn an der einen Stelle nichts mehr wäre oder an anderer Stelle mehr. Ja gut, aber es geht allen Frauen so. Richtig und falsch zugleich ohne jetzt weiter darauf eingehen zu wollen.

Ist eine Therapie / OP die einzige Lösung?

Nun ja, wenn man das Ganze nur auf die Schnelle betrachtet, denkt man wirklich, dass es so ist, dass nur Therapie und OPs ein Ausweg sein können. Das liegt doch auf der Hand. OPs werden häufiger thematisiert als Alternativen. Sie passen einfach so wunderbar zu dem Bild von Transfrauen à la Lili Elbe / ‘The Danish Girl’.

Lili Elbe / Artikel bei Wikipedia

The Danish Girl (2015) / Filmdetails bei IMDB

Wenn man über Transgender spricht, so scheint dies die einzige bekannte Variante davon zu sein. Zumindest wenn man sich mal so umhört. Also ist es naheliegend, dass es auch der erste eigene Geistesblitz ist, der einem durch den Kopf schießen muss.

Bei intensiverer Auseinandersetzung und in vielen Fällen auch einfach nur mehr Zeit und manchmal auch zufällig dazu gewonnenes und dennoch nützliches Wissen, gibt es jedoch weit mehr als diese eine Option. Es gibt zahlreiche Möglichkeiten, wie man den Alltag bequemer gestalten kann. Sei es durch angepasste Kleidung oder andere entlastende Dinge, die man tun kann. Ja, auch für’s Schwimmbad gibt es Lösungen, die das halten, was sie versprechen. Wer damit leben kann, kommt an therapeutischen Maßnahmen und chirurgischen Eingriffen theoretisch vorbei.

Fehlt mir die Bestätigung?

Neben den körperlichen Bedürfnissen und Unannehmlichkeiten spielt auch die Psychologie und innere Zufriedenheit eine große Rolle. Bestätigung zu bekommen ist für uns trans Menschen essentiell. Insbesondere wenn man solche gravierenden Lebensveränderungen vollzogen hat. Freunde und Familie können einen Teil dazu beitragen, dass wir uns besser fühlen. Doch etwas, das oft zu kurz kommt, ist die Intimität. Ich habe nach meinem Coming-out auf sämtliche intimen Begegnungen verzichtet. Zum Einen war ich mir selbst nicht mehr so sicher, wie ich auftreten sollte und zum Anderen muss man sich umstellen, was die Auswahl an potentiellen Sexualpartnern angeht. Verzicht ist auf der einen Seite etwas Gutes und Notwendiges, um sich selbst eine Phase der Selbstfindung zu ermöglichen. Auf der anderen Seite entzieht man sich die sexuelle Bestätigung, die man vorher vielleicht das eine oder andere mal erhalten hat. Bei mir war die Trennung/Auflösung der Freundschaft plus ein wesentlicher Faktor, warum an dieser Stelle eine Lücke entstand.

Erst durch eine neue Bekanntschaft, die zwar nur von kurzer Dauer war, konnte ich dieses Defizit wieder ausgleichen. Es war kein One-Night-Stand, etwas länger war es dann schon noch. Aber nun mal eben auch nichts für die Ewigkeit. Trotz dessen, dass es nur kurzweilig war, so hat es seinen Zweck für mich erfüllt. Die Frage, ob mich jemand überhaupt noch mal körperlich attraktiv finden kann und all das, was in Instagram Fotos nicht zu sehen ist, auch noch gut findet. Klingt banal, war mir aber wichtig. Seit dem bin ich deutlich zufriedener und selbstsicherer geworden. So habe ich zwar noch nicht den Partner für’s Leben gefunden, aber mir wurde klar, dass es nicht unmöglich war, das jemand mich tatsächlich attraktiv finden konnte. Und zwar genau in der körperlichen Verfassung, in der ich mich gerade befinde. Und wie gesagt fern ab der Bewunderung auf Sozialen Medien.

Wenn man sich mit äußerlichen Veränderungen beschäftigt, sollte man sich auch immer die folgenden Fragen stellen:

Was wäre, wenn ich dies machen lassen würde?

Würde ich mich dadurch besser fühlen? Was passiert mit mir, wenn ich mit dem Ergebnis nicht zufrieden sein sollte? Was definiert überhaupt eine Frau? Warum unterziehen sich so viele Bio-Frauen trotzdem einer Operation nach der Anderen? Werden sie dadurch glücklicher? Besteht ein Unterschied in der Motivation, warum sie etwas machen lassen und warum ich über einen Eingriff nachdenke? Was sind die rechtlichen Aspekte? In Deutschland muss in einigen Fällen nachgewiesen werden können, dass man den Realitätscheck über ein Jahr absolviert hat, bevor man Veränderungen vornehmen lassen kann. Ähnliches gilt auch für die Namensanpassungen in den offiziellen Ausweispapieren. Die Krankenkassen übernehmen Kosten nur unter bestimmten Voraussetzungen. Lässt man auf eigene Faust herumdoktern, kann dass zur Folge haben, dass auch normale Erkrankungen darauf zurückgeführt werden und man muss sich dagegen am besten im Vorfeld absichern. Zum Beispiel durch eine Zusatzversicherung.

Also Mycha – was sollte man machen lassen und was wirst du machen lassen?

Das sollte jede / jeder für sich selbst entscheiden, ohne sich dem eigenen Druck oder dem Druck von Außen auszusetzen. Nehmt euch die Zeit, die ihr dafür braucht. Eine Entscheidung dagegen sollte auch in Betracht gezogen werden und nicht von vornherein ausgeschlossen werden. Ganz egal um was es dabei geht. Auch schon eine Hormonbehandlung kann ihre unangenehmen Auswirkungen haben. Hört nicht nur hin, wenn die Antworten euch gefallen, sondern haltet auch dann noch die Ohren offen, wenn es unangenehm wird. So richtig unangenehm und hört auf euch vorzustellen, es sei ein Kinderspiel, denn das ist es auf keinen Fall!

Was ich machen lasse oder nicht? Das wird mein Geheimnis bleiben! Auch trans Frauen haben ein Recht auf Privatsphäre. Ja, auch dann wenn sie sich freiwillig der öffentlichen Meinung aussetzen und ausgesetzt haben.

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Bleibt rundum gesund und auch im Köpfchen, eure Mycha

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