Ein Schachspiel für die Toleranz


Eigentlich wollte ich euch heute von meinem Wochenende erzählen, aber wie es so häufig im Leben ist. Launen ändern sich. Ganz besonders meine Launen. Ich glaube auch, das meine Hormone sich mittlerweile stärker bei meinen Entscheidungen einbringen, als es in der Vergangenheit der Fall war. Sie haben sich völlig von selbst an meine Weiblichkeit angeglichen. Sozusagen verselbstständigt. Also häufige Ideenwechsel sind da völlig normal, denke ich.

Die transphobe Eröffnung

Aber fangen wir zunächst doch vielleicht erst mal bei Samstag Nacht an. Ich war wie so oft wieder ein mal alleine in der Düsseldorfer-Altstadt unterwegs. Meine Lieblingsbeschäftigung ist nach wie vor das Bar- und Club-hopping, so dass man häufig die Läden wechselt und zwischenzeitlich auch auf der Straße frische Luft schnappen kann. Was für mich sehr angenehm ist, da ich auf diesen Wegen gerne eine entspannte Zigarette konsumiere. Heutzutage ist es kaum noch erlaubt in einer öffentlichen Kneipe zu rauchen. Meine persönliche Meinung, ein Ding der Unmöglichkeit. Die kuschelige und verrauchte Atmosphäre ist völlig verloren gegangen.
In einer Unterführung traf ich auf eine Gruppe junger Männer. Alle waren so um die 20 Jahre alt und mit arabischem Migrationshintergrund. Die Gruppe bestand aus circa zehn Personen. Einer der Männer rief mir laut ‘Transe’ hinterher. Normalerweise würde ich so etwas einfach ignorieren. Ich wäre in meinen hohen Absätzen selbstbewusst weiter stolziert und würde mich leise darüber ärgern, dass schon wieder so ein transphobes Arschloch mich beleidigt hat. Und ja, Transe ist für mich eine Beleidigung. Schon allein der Begriff ist abwertend. Ich habe auch nicht zurück gerufen. Einige male habe ich versucht auf diese Weise, meine Aufregung wieder loszuwerden. Doch bei jedem dieser Versuche war anschließend das Gegenteil war der Fall und mein Puls schlug danach immer noch schneller vor Entrüstung als zuvor. Dieses mal lief es etwas anders ab und das hat auch etwas damit zu tun, dass ich in der Zwischenzeit sehr viel über diese Art der unangenehmen Konfrontationen nachgedacht habe. Ich weiß, dass es bescheuert klingen muss, aber ich war nie wirklich zufrieden mit meinen eigenen Reaktionen. Habe mich selbst immer wieder hinterfragt. Denn ich bin eine Person, die die Dinge gerne wieder gerade rückt. Das entstandene Ungleichgewicht musste wieder hergestellt werden. Das bloße Ignorieren dieses unmöglichen Verhaltens hatte bisher nichts bewirkt und meine Annahme war und ist, dass sich dadurch auch künftig nichts verändern würde. Also verließ ich meine Komfortzone und probierte einen für mich völlig neuen und etwas gewagteren Ansatz.

Unberechenbarkeit

Also gut, was für andere Alternativen gab es denn? Wenn man verbal angegriffen wird, dann liegt es für die meisten Menschen, die ich kenne am Nächsten mit den gleichen Mitteln zu antworten. Beleidigung für Beleidigung – so wie Auge um Auge und Zahn um Zahn? Ich bitte euch! Das hat überhaupt keinen Stil. Damit folgen wir nur der Einladung in ein Spiel, dass wir uns weder aussuchen konnten, noch konnten wir die Regeln dafür mit gestalten. Der Ausgang dieses Spiels wäre zudem völlig unberechenbar für uns. Ich spiele ja sehr gerne. Allerdings muss ich eine Chance darin sehen können, dass Spiel dann auch einigermaßen zu überstehen. Sich in einer Situation zu befinden, in der eine Eskalation am wahrscheinlichsten ist, entspricht nicht diesen Anforderungen. Der Ausgang hing nur noch davon ab, wer welche Worte auswählt. Diese Phrasen werden dem Gegenüber vor die Füße geworfen. Abhängig davon wie diese Worte beim Anderen ankommen würden, beeinflusste den Ausgang. So eine Lage ist immer unkalkulierbar und riskant. Dort wo ich mich jetzt gerade befand, war ich umgeben von annähernd zehn kräftigen und sportlichen Südländern, die mich wohl kaum respektierten. Ich hatte den Eindruck gewonnen, sie warteten nur auf einen kleinen Fehler von mir, um mich noch intensiver anzugehen. So etwas kann nur eine schlechte Idee sein. Ich bin ja nicht Jackie Chan.

So fängt man doch kein Gespräch an

Ich weiß nicht warum ich diesen Begriff gewählt habe, aber er scheint bei den arabischen Männern gut anzukommen. Ich rief also laut ‘olum!’ – ohne zu diesem Zeitpunkt wirklich die Bedeutung zu kennen. Ich hatte das schon mal in der Vergangenheit irgendwo aufgeschnappt. Die Situationen in denen dieser Begriff gefallen ist, waren durchweg von friedlicher Natur und ich nahm einfach an, dass die Südländer sich untereinander auf diese Art und Weise auf Vernunft verständigten, beziehungsweise kurz die Aufmerksamkeit der angesprochenen Person für sich gewinnen wollten, um einen netten Hinweis zu hinterlassen. Für mich lag die Wertigkeit in der Region eines erhobenen, aber durchaus gut gemeinten Zeigefingers. Inzwischen haben meine Recherchen mich zu einer viel genaueren Bedeutung geführt und ich kann euch mitteilen, dass es in etwa ‘mein Sohn’, oder ‘mein Junge’, oder aber auch ‘mein Kleiner’ bedeuten kann. Ich ergänzte den gemachten Anfang mit einem: ‘wirklich Bruder?’. In diesem Augenblick war eine Sache ganz klar. Ich hatte ihre volle Aufmerksamkeit auf mich gezogen und stand zumindest für einen Augenblick in ihrem Rampenlicht. Einer aus der Gruppe übernahm das Wort und stieg in die Unterhaltung mit den Worten: ‘ja, was denn?’ ein. Ich beantwortete seine Frage zunächst ohne weitere Erklärungen und ohne wirklich darauf einzugehen: ‘so fängt man doch kein Gespräch mit einer jungen Frau an.’ und setzte schließlich fort: ‘du könntest Dich zum Beispiel erst mal vorstellen. Also – du nennst mir deinen Namen und ich sage dir meinen Namen und dann fangen wir noch mal von neu an.’ Er stimmte mir mit einem kurzen Kopfnicken zu und sagte mir, dass er ‘Ibrahim’ sei. Ibrahim ist die arabische Form von Abraham und bedeutet ‘Vater der vielen Völker’ und gilt in den drei großen Weltreligionen jeweils als deren Stammvater (also im Christentum, im Islam, und im Judentum). Mir stand also eine Führungspersönlichkeit gegenüber und es erschien mir ganz so, dass ich einen Zugang zu dieser Person gefunden habe, ohne eine weitere Eskalation befürchten zu müssen. Ich stellte mich ebenfalls mit meinem Vornamen vor. Bravo – der Anfang war also schon mal gesetzt. Doch wie sollte ich jetzt weiter vorgehen, ohne dieses positive Momentum wieder zu verlieren?

Geänderte Spielregeln

Ich habe mich dazu entschieden, den freundlichen Kurs beizubehalten und sagte: ‘siehst du, dass ist doch schon viel besser.’ Übrigens die meisten Männer lieben es, wenn sie für ihr Verhalten gelobt werden. Jede Frau wird das bestätigen liebe Männer. Es war also einfach ein ziemlich cleverer Schachzug, so weiter zu machen. Ich began neue Regeln für das sogenannte Spiel aufzustellen. Er fühlte sich sichtbar geschmeichelt und er entspannte sich zunehmend. Das alles verriet mir sein Lächeln und der zunehmend freundlicher werdende Ausdruck in seinem Gesicht. Doch er befand sich immer noch auf Konfrontationskurs mit mir und behauptete weiter: ‘Du bist doch schwul’ – Es sollte zwar wie ein Vorwurf klingen, aber mir war es völlig gleichgültig, ob er das über mich dachte. Homosexualität ist für mich etwas vollkommen Natürliches. Trotzdem kommentierte ich seine Aussage mit den Worten: ‘das ich so bin, dass hat überhaupt nichts damit zu tun, ob ich schwul bin oder nicht. Ich kann doch als Frau Männer oder Frauen gut finden. Und man wird als Frau geboren, auch wenn man nicht von Anfang an danach aussieht und das müssen nicht alle Menschen gut finden. Man könnte sich einfach nur wünschen, dass sie sich respektvoll verhalten. Trans zu sein, bedeutet bestimmt nicht, dass ich auf Männer stehen muss. Um ehrlich zu sein stehe ich mehr auf Frauen.’ – Er hörte mir weiter interessiert zu, was nur von Vorteil sein konnte. Seine Neugier zeigte mir, dass er grundsätzlich über Intelligenz verfügte. Denn nur intelligente Menschen sind offen und neugierig für neue Informationen. Das er Interesse daran hatte, mit mir über dieses Thema zu sprechen, war zwar kein Beweis für das Vorhandensein von Intellekt. Zumindest rein theoretisch wäre es doch möglich, dass dieser Mensch über ein funktionierendes Gehirn verfügte. So etwas war durchaus denkbar. Ich machte einfach weiter und war voller Hoffnung.

Raum entsteht

Jetzt ist sogar ein kleiner Raum für eine erste Aufklärung entstanden, den ich sofort einnahm. ‘Du hast ein ganz anderes Problem mein Freund. Wusstest du, dass trans Frauen ein um 90% höheres Risiko haben, einen Selbstmord zu begehen, als jeder andere Mensch auf der Welt?’ Die These war aufgestellt und sie wurde von niemandem der Anwesenden in Frage gestellt. Im Grunde war ich mir jedoch nicht mal selbst sicher, ob die Zahl stimmte. Mir war klar, dass das Risiko deutlich erhöht war. Die korrekte Prozentzahl ist mir jedoch wieder entfallen. Aber so lange es funktionierte, wollte ich auf keinen Fall einen Zweifel daran aufkommen lassen. Ich fuhr deshalb weiter ohne Unterbrechung fort: ‘stell dir mal vor, du wirst eines Tages der Vater von einem Sohn. Eines Tages entscheidet sich dein Sohn, dass er lieber als Frau weiterleben möchte, weil er total unglücklich ist.’ – ich machte eine kurze Pause und als ich feststellte, dass er mir noch folgen konnte, fuhr ich weiter fort: ‘willst du, dass dein Sohn sich das Leben nimmt, weil du so denkst, wie du jetzt denkst? Heutzutage ist es völlig normal, dass man sich nicht mehr damit verstecken muss. Du siehst ja mich. Ich habe ein normales Leben, auch wenn ich anders geboren wurde. Ich habe einen ganz normalen Job und ich habe vier Kinder.’ – es folgte eine längere Unterbrechung. Ich merkte bereits, dass einige seiner Jungs von dem Gespräch genervt waren und lieber weiter gezogen wären. Zumindest deuten sie es an. Aber Monsieur wollte noch nicht weg, also mussten die Anderen auf ihn warten. Ibrahim machte seinem Namen auf jeden Fall alle Ehre. Ein echter Anführer Typ eben. Auf ein mal sagte er etwas, dass ich überhaupt nicht erwartet habe. ‘Entschuldigung.’ – kam ganz leise über seine Lippen, so dass man es kaum hören konnte. Auch wenn es kaum hörbar war, so hat er hat es doch wenigstens ausgedrückt. Ich lächelte und zog ein freundliches Gesicht, dann sagte ich: ‘Jungs, ich wünsche euch noch einen schönen Abend.’ und lief wie geplant in die Richtung des nächsten Clubs, den ich in dieser Nacht anpeilte.

Schlechter Freundinnen Ratschlag

Einer Freundin erzählte ich von diesem Vorfall. Sie hielt mir erst mal eine Rede zu dem Thema, wie ‘richtige’ Frauen sich in einer solchen Lage zu verhalten hätten. Überhaupt schien sie das Patent für die Weiblichkeit zu besitzen. Sie kritisierte mich dafür, dass ich mich soweit auf diese Jungs eingelassen habe. Des Weiteren prophezeite sie mir, dass es mit zunehmender Erfahrung und vor allem mit anwachsender Lebenszeit als Frau abnehmen würde, dass ich mich so engagierte. Auch ich würde es, wie sie, eines Tages leid sein, mich mit solchen Männern abzugeben. Ihr Bild von Männern aus dem arabischen Raum war geprägt von Hass und Respektlosigkeit. Sie benutzte Begriffe, die ich hier nicht anführen möchte, da sie in meinen Augen total verfehlt sind. Ich versuchte dagegen zu argumentieren, aber ich denke, dass ihr Toleranz-Zug schon lange den Bahnhof verlasen hat.

Meine Hoffnung besteht weiter

Ich habe die Hoffnung jedoch nicht aufgegeben, dass ich den einen oder anderen von euch dazu bewegen kann, sich für diese Menschen zu öffnen und sie nicht direkt vorzuverurteilen. Mir ist klar, dass erst vorgestern wieder ein neuer und grausamer Anschlag mit terroristischem Hintergrund das ganze Land gelähmt hat. Absolut keine Frage, dass wir so etwas nicht hinnehmen können. Das sollte uns jedoch nicht vergessen lassen, dass viele Araber unter uns leben und sich wunderbar in unsere Kultur integriert haben. Ich möchte um Verständnis insbesondere auch für diese Jugendlichen werben, die sich ähnlich verhalten, wie die Jungs, auf die ich am Wochenende getroffen bin. Warum macht Mycha sowas? Nun ja, führen wir uns mal vor Augen in welcher Situation sie sich befinden. Hier in Deutschland geboren, aber ständig ausgegrenzt. An der Tür wird der Einlass verweigert. Von ängstlichen Blicken aus dem Augenwinkel wahrgenommen, die im Prinzip zum Ausdruck bringen, dass sie alle ja doch letztendlich nur Aussenseiter sind, die noch lange nicht in unserer Gesellschaft angekommen sind. Keine deutsche Staatsbürgerschaft und keine dauerhafte Bleibe-Perspektive. Die Beispiele sind endlos. Was wundert euch daran, dass sie kein Benehmen haben? Wer hat sich denn je die Mühe gemacht, sich mit ihnen ernsthaft auseinander zu setzen? Fangt an zu denken! Es gibt keine schlechten Menschen. Wir alle könnten so sein. Könnten dazu gemacht werden. Das passiert nun mal, wenn wir nur darin Bestätigung und Halt finden können, indem wir uns gegen alles stellen, was auch nur annähernd deutsch ist. Wenigstens unter seinen Leuten dazuzugehören. Ausgrenzung verbindet aber auch und schafft Gemeinsamkeiten. Ich erlebe das gerade sehr stark. Lasst uns endlich mit Toleranz anfangen und die Intoleranz Schach matt setzen!

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Dicken Kuss, Eure Mycha

 

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